Archiv
| zurück
Artikel vom: 22.07.2009
Wein und Sprache
Die Experten von "Knaurs" definieren Sprache als "System von sinnvoll verbundenen Lauten, mit dessen Hilfe Gedanken und Gefühle ausgedrückt und Informationen vermittelt werden“. Für den Philosophen stellt die Sprache den geistigen Zusammenhang zwischen den Sprechenden her, und bei Schiller, der nach dem harschen Urteil seines Jugendfreundes Petersen im Sinnlichen ohne Feingefühl war, angeblich kratzende Weine trank, salzigen Schinken aß und von garstigen Weibern umgeben war, doch Zitate im Dutzend produzierte, heißt es: „Stets ist die Sprache kecker als die Tat.“ Das gilt auch für die Beschreibung von Weinen.Wenn man einen Muskateller, der noch unfertig wie eine Knospe ist, mit einem scheuen Reh vergleicht oder zu einem Moselriesling sagt, er schmeckt wie ein frecher Kobold, kichern die Freunde und schauen die Hüter deutscher Spätlesenromantik drein wie saure Heringe.
Die offizielle Weinsprache hört sich natürlich anders an. Sie besteht aus gültigen Begriffen, an denen sich der Kenner orientiert. Eine kleine Auswahl wird dienlich sein. Abgang: Eindruck nach dem Schlucken, kann leer sein, kurz, elegant, anhaltend. Ausgewogen: Harmonie von Frucht, Säure, Alkohol. Breit: ohne Finesse. Dünn: es fehlt der Körper. Extrareich: dichter Fruchtkern. Grasig: grüne Note, erinnert an Gemüse. Gefällig: sauber aber ohne Charakter. Grün: unreif. Komplex: vielschichtig. Krautig: nach grünem Holz oder Sauerkraut schmeckend; fehlerhaft. Kurz: Aromen verflüchtigen sich sofort. Leicht: geringer Alkoholgehalt. Mächtig: konzentriert, starker Fruchtkörper, viel Alkohol, der jedoch nicht brandig wirken soll. Muffig: Steigerung von dumpf. Reich: alle guten Eigenschaften im Übermaß. Seidig: feine Struktur. Süffig: netter Wein ohne besondere Talente. Vollmundig: reich, bleibt lang am Gaumen. Verschlossen: unentwickelt, braucht noch Zeit.
Die Geschichte ist bekannt von den beiden Weinfexen, die sich streiten, ob der Wein nun vordergründig nach Leder oder nach Eisen schmeckt. Keiner gibt nach, der eine beharrt auf Eisen, der zweite störrisch auf Leder. Recht hatten beide, denn als das Fass leer getrunken war, fand sich darin an einer Lederschlaufe der Kellerschlüssel.
Dass Worte auch beim Wein nicht nur verbinden, sondern verwirren und sogar trennen können, zeigt sich, wenn ein Körpertrinker und ein Eleganztrinker denselben Wein bewerten. Der kraftvolle, würzige Weine bevorzugende Körpertrinker neigt dazu, filigrane Gewächse als dünn zu empfinden, während der Eleganztrinker kapitale Burschen à la Châteauneuf-du-Pape oder einen Wachauer Grünen Veltliner der Gütestufe Smaragd vielleicht als fett, gar klotzig abtut. Schließlich gibt es national geprägte Geschmackswerte: Engländer haben eine Vorliebe für überreife Weine; Franzosen irritiert die lebhafte Säure junger Rieslinge; Schweizer sind auf extrem säurearme Weine abonniert. Dennoch ist die Weinsprache das verbindende Element über die nationalen Grenzen hinweg.
Ein Wein, sagen wir ein großer roter Burgunder, der sich schon geschmeidig trinken lässt, aber noch viel Entwicklungspotential hat, kann reich sein, komplex und verschlossen. Dies wäre die sozusagen amtlich korrekte Definition. Man wird den Wein jedoch noch besser verstehen, wenn man ihn als Eisenfaust in einem Samthandschuh beschreibt. Ein Bild drückt oft mehr aus als hundert Worte.
Quelle: arsVivendi








